Eßlinger Zeitung 23.04.08
Themenseite Altkleidersammlung

 

Nicht vertrauenswürdig

Esslingen: Dubiose Altkleidersammlung gaukelt Spende vor

 

„Engel“ prangt in roten Buchstaben auf der grauen Tonne, darunter ist das Gesicht eines schwarzen Kindes zu sehen. Dann folgt die Aufforderung, Altkleider, alte Schuhe und Spielzeug in die 40 Zentimeter hohe Tonne zu packen, diese am nächsten Tag vor die Tür zu stellen, dann würde sie abgeholt. Wer den Text nicht genau liest, wird glauben, dass diese Altkleider für arme Menschen in Afrika gedacht sind. Doch das ist hochgradig unwahrscheinlich.

Von Gesa von Leesen

Die Tonnen tauchen seit einigen Monaten in unregelmäßigen Abständen auf. Plötzlich stehen sie vor der Tür. Der Aufkleber auf dem Deckel verspricht: „Ihre Ware kommt nicht in den Reißwolf. Dafür garantieren wir! Sie wird sortiert und alles Tragbare wird weitergeleitet.“ Doch von wem? Und wohin? Dazu finden sich keinerlei Angaben. Keine Firma, keine Adresse, nichts. Nur drei Telefonnummern, die man anrufen soll, wenn die Tonne nicht abgeholt oder gestohlen wurde. Unter den zwei hiesigen Festnetznummern meldet sich niemand. Unter der Handynummer meldet sich ein Mann, der gebrochen Deutsch spricht. Ja, er würde die Tonnen bringen und wieder abholen. Für wen? „Für Firma.“ Welche? „Andere Nummer anrufen!“ Da meldet sich aber niemand. „Sie geben mir Nummer, ich sage Chef, dass er anrufen soll.“ Der Rückruf erfolgt erwartungsgemäß nie.

„Wir kennen die Masche“, sagt Andreas Voget, Geschäftsführer des Vereins FairWertung in Essen, ein Dachverband von Organisationen, die sich verpflichten, ihre Altkleidersammlungen transparent durchzuführen. Die wenigsten Altkleider werden Bedürftigen gespendet. Die meisten werden verwertet. Nach Schätzung von Alexander Gläser, Geschäftsführer des Fachverbandes Textil Recycling fallen derzeit pro Jahr in Deutschland 900.000 bis eine Million Tonnen Altkleider an. Etwas mehr als die Hälfte davon werde zu Putzlappen verarbeitet oder zur Fasergewinnung genutzt. Der Rest sei als Kleidung verkaufbar. Gläser: „Und von diesen verwertbaren Second-Hand-Kleidern bleiben zwei Prozent in Europa, der Rest wird weltweit verkauft, vor allem nach Afrika.“

Altkleiderverwertung ist also ein Geschäft. Weil aber viele Menschen lieber für karitative Zwecke spenden als Händlern, spiegeln eine Reihe von kommerziellen Sammlern mit ungenauen Formulierungen gerne vor, dass es um einen guten Zweck geht. Wie im Eßlinger Tonnen-Fall. Voget vermutet, dass es sich hierbei um eine gewerbliche Sammlung handelt: „Es wird auf die Tränendrüse gedrückt, der Sammler gibt sich nicht zu erkennen – das erscheint nicht seriös.“

In der Tat. Weitere Recherchen führen über die Telefonnummern zu Sirac Evsen, Altkleider, Inselstraße 11 in Untertürkheim. In einem Hinterhof findet sich eine größere Lagerhalle und ein kleines Büro mit einem Schild „Ökotex“, das sogar besetzt ist. Ja, er sei Sirac Evsen, sagt der dort sitzende Mann und bestätigt, dass er mit den grauen Tonnen in Esslingen Altkleider sammelt. Auf die Frage, wo diese Kleidung hingeht, stockt er kurz. Dann: „Nach Rumänien.“ Verkauf oder Spende? „Die werden verkauft.“ Die Kunden holten die unsortierte Kleidung bei ihm ab. Nach einer Genehmigung für den Export nach Rumänien gefragt, meint Evsen: „Brauch ich nicht.“ Und auf die Frage, warum auf der Tonne nicht stünde, dass die Sammlung gewerblich ist sondern der Eindruck einer karitativen Sammlung erweckt werde, meint Evsen: „Mit gutem Zweck meinen wir natürlich nicht, dass wir spenden.“ Den Hinweis auf fehlenden Firmennamen und Adresse kontert er mit: „Sind doch Telefonnummern drauf.“ Aber da gehe niemand ran. „Ach ja, die Telefonnummern haben sich geändert, vielleicht sind die jetzt nicht aktuell.“ Und im Übrigen habe er nun keine Zeit mehr.

Unsortierte Altkleider gelten laut EU-Norm als Abfall und werden in die Kategorie „Grüne Anfälle“ eingereiht. Wer grüne Abfälle nach Rumänien transportiert, benötigt eine Notifizierung. Die stellt in Baden-Württemberg im Auftrag des Landes die Sonderabfallagentur in Fellbach aus. Ihr Leiter Hermann Reinhardt erklärt, wer diese Notifizierung benötigt: „Nicht die Transportfirma, die muss nur angegeben sein, sondern derjenige, der den Export veranlasst, das heißt, in der Regel der Händler.“ Und: „Ein Sirac Evsen oder eine Firma Ökotex tritt bei uns nicht auf.“ 

Die Eßlinger Tonnen-Sammlung erscheint immer dubioser. Seriöse Sammler informieren, wie die eingesammelte Kleidung tatsächlich verwendet wird. Eine Reihe von karitativen Unternehmen, wie auch die Johanniter vom Regionalverband Stuttgart weisen in der Regel darauf hin, dass sie kommerzielle Sammler beauftragen. Diese zahlen der Organisation Lizenzgebühren und mit dem so verdienten Geld finanzieren die Johanniter ihre Projekte.

Wer sich also dafür interessiert, was mit seinen Altkleidern passiert, sollte Sammelaufforderungen genau durchlesen. Und wer möchte, dass seine abgelegten Kleider vor Ort an Bedürftige gehen, sollte sich nach hiesigen Kleiderkammern erkundigen.

Über gut erhaltene Kleidung freuen sich in Esslingen zum Beispiel die AWO-Kleiderkammer für Flüchtlinge, montags und donnerstags von 9 bis 12 Uhr, Rennstraße 8-10 und Hilfe für Berber, Eberspächer Str. 31, montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr.

 

Behörden tun sich schwer

 

(gvl) – Altkleidersammlung per unaufgefordert gelieferter Tonne ist rechtens. „Altstoffsammlungen sind generell nicht genehmigungspflichtig“, sagt Stefanie Nagel von der Bußgeldstelle des Eßlinger Ordnungsamtes. So sieht es das baden-württembergische Sammlungsgesetz vor. Auch das Abstellen der grauen Tonnen im öffentlichen Raum ist für die Stadt kein Problem, erklärt Manuela Reichle von der Verkehrsabteilung im Ordnungsamt: „Eine Sondernutzungsgenehmigung ist dafür nicht erforderlich.“ Und dass der Sammler seinen Namen und Adresse nicht nennt, stört Waldemar Schwarz von der Gewerberechtsbehörde im Landratsamt Esslingen nicht. Er findet die Art der Sammlung zwar „unlauter, den wer nichts zu verbergen hat, schreibt seinen Namen dazu.“ Doch laut Gewerbeordnung seien diese Angaben bei der Tonnensammlung nicht notwendig. Immerhin: Dass der Sammler nicht ausdrücklich auf den gewerblichen Zweck hinweist, könnte gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) verstoßen. Schwarz: „Da sind wir jedoch nicht zuständig. Und das wird nur auf Anzeige hin verfolgt.“

Das sehen andere Kommunen anders. So geht die sauerländische Stadt Arnsberg seit Jahren konsequent gegen verdächtige Altkleidersammler vor. Dirk Taron vom dortigen Fachdienst Gewerbeordnung: „Man kann was machen, man muss es nur wollen.“ Er zieht die Gewerbeordnung heran: „Zwar ist nicht ganz eindeutig formuliert, dass bei so einer  Tonnensammlungen die Sammelfirma genannt werden muss, ich aber würde das so auslegen.“ Auch das UWG spiele eine Rolle: „Wenn Sammler vorspiegeln, sie würden für einen guten Zweck sammeln, tatsächlich aber gewerblich handeln, haben wir eine gewisse Irreführung des Verbrauchers. Und damit schaden sie den Gewerbetreibenden, die ehrlich sind.“ Auf eine Anzeige bräuchte er da nicht zuwarten: „Jeder Verstoß gegen geschriebenes Recht ist ein Verstoß gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Also sind wir aufgefordert zu handeln.“ Seine Behörde kontrolliert zwielichtige Vereine und Sammler. Ergebnis: „Diese Sammlungen sind hier in der Region fest in der Hand von Türken und Osteuropäern. Wir haben Dutzende Firmen überprüft und es gab nicht einen einzigen Fall, wo alles legal lief, vor allem entdecken wir Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung.“ Inzwischen habe sich rum gesprochen, dass in Arnsberg genau hingeschaut wird. Taron: „Die dubiosen Altkleidersammlungen sind rapide zurückgegangen.“

 

 

Altkleider nach Afrika – sinnvoll oder schädlich?

 

(gvl) – Der übergroße Teil der in Deutschland gesammelten Secondhand-Kleidung wird nach Afrika verkauft. Seit den 1990er Jahren gibt es die Diskussion, ob diese Altkleiderverkäufe die  dortige Bekleidungsindustrie zerstören beziehungsweise gar nicht erst entstehen lassen? Nicht zuletzt deswegen, hat sich FairWertung gegründet, der Zusammenschluss von karitativen Organisationen, die sich zu Transparenz in Sachen Altkleidersammlung verpflichten. Denn auch Wohlfahrtsorganisationen sammeln in erster Linie für den Verkauf, beziehungsweise sie lassen sammeln und erhalten von gewerblichen Altkleidersammlern Geld für die Überlassung ihres guten Namens. Der Erlös fließt dann in Projekte der Organisationen. Verbände, die sich FairWertung angeschlossen haben, geben Auskunft, wer sammelt, wohin die Kleidung verkauft wird und wofür die Einnahmen genutzt werden. FairWertungsgeschäftsführer Andreas Voget: „Bisher sind uns überwiegend kirchennahe Organisationen angeschlossen. Wir sind aber nicht konfessionell gebunden, sondern interessiert daran, mit allen gemeinnützigen Sammelorganisationen, darunter auch den großen Wohlfahrtsverbänden, ins Gespräch zu kommen.“

Dass die Altkleider vor allem auf afrikanischen Märkten landen, hält Voget für in Ordnung. „Die Vorstellung, ohne europäische Gebrauchtkleidung gäbe es in den armen Ländern eine blühende Textilindustrie, stimmt nicht.“ Andere Einflüsse seien entscheidender. So sei beispielsweise in Kamerun und Tansania mit Entwicklungshilfe eine Textilindustrie hochgezogen worden. Voget: „Die ist in den 90er Jahren untergegangen. Zum einen weil ständiger Devisenmangel, Stromausfälle und fehlende Ersatzteile die Produktion erschwerten. Zum anderen weil der IWF Druck gemacht hat, dass diese Länder ihre bis dahin geschlossenen Märkte für Textilimporte öffnen müssen.“ Für die Menschen in den armen Ländern sei wichtig, „dass sie gute Kleidung zu einem fairen Preis bekommen. Und das ist nun mal oft Gebrauchtkleidung, weil sie sich Neuware nicht kaufen können.“ Weltweit steige die Nachfrage nach günstiger Kleidung. „Das ist armutsbedingt und natürlich bedrückend“, meint Voget. „Aber die Betroffenen können auf ihren Märkten nicht wählen zwischen einheimischer oder importierter Ware, sondern zwischen Gebrauchtkleidung oder Billigware aus China.“ Der Altkleiderhandel sei nun mal ein weltumspannender Markt, „wichtig ist, dass man sich dazu bekennt.“

Markt ist das richtige Stichwort für Friedel Hütz-Adams von Südwind, dem Institut für Ökonomie und Ökumene in Siegburg. Hütz-Adams hat sich lange mit dem Altkleiderexport in die 3. Welt beschäftigt. Er meint: „Die Kleidung kommt oft nicht bei denjenigen an, die sie am dringendsten benötigen, denn für die ist sie meist noch zu teuer.“ Beim Altkleiderhandel gehe es nun mal in erster Linie ums Geld verdienen. „In ganz arme Länder wie Kongo-Kinshasa wird wenig verkauft, weil da die Kaufkraft fehlt. Altkleider gehen vor allem in zahlungskräftigere Länder wie Kenia, Tansania, Südafrika.“ Der Wissenschaftler ist überzeugt, dass Textil-Importe – allerdings auch die aus China – afrikanische Volkwirtschaften schädigen. Mit Altkleiderexporten wird zudem noch ein schwunghafter Schmuggel betrieben. „Nigeria und Äthiopien zum Beispiel haben komplette Importverbote für Altkleider erlassen, aber Sie finden diese Kleidung dort überall auf den Märkten.“ Andere Länder klagen darüber, dass Zölle und Steuern nicht gezahlt werden. „Damit gehen dort Einnahmen verloren.“ Letztlich müsse der Verbraucher in Deutschland entscheiden: „Soll mit seinen Altkleidern Geld verdient werden oder ist es sinnvoll, sie Bedürftigen zu spenden.“

Weitere Informationen: www.Fairwert.de, www.suedwind-institut.de

 

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