Fremde Welten treffen aufeinander

Reichenbach: CDU-Protestanten diskutieren mit Berndt Seite und Renate Holznagel aus Mecklenburg über Deutsche Einheit

    

Wieso wählen so viele Menschen im Osten die Linken? Was ist das mit der Jugendweihe? Die Fragen von schwäbischen CDU-Mitgliedern an Berndt Seite und Renate Holzapfel zeigten deutlich, wie gering das Wissen hierzulande über Ostdeutschland ist. Um das ein wenig zu ändern, waren der ehemalige Ministerpräsident und die derzeitige erste Vizepräsidentin des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern am Dienstagabend in Reichenbach.

Von Gesa von Leesen

  

Der Einladung der CDU Reichenbach, des evangelischen Arbeitskreises in der CDU/CSU und des Evangelischen Bildungswerkes Kreis Esslingen waren 26 Menschen gefolgt. Zunächst las der 70-jährige Seite – von 1992 bis 1998 Ministerpräsident – aus seinen frisch erschienenen Memoiren „Schneeengel frieren nicht". Es ging um die Flucht aus Schlesien, sein Engagement in der evangelischen Kirche, um den Abschied von der Macht, nachdem die CDU bei den Landtagswahlen 1998 verloren hatte. Holznagel sprach viel von Wunder, Glück und Dankbarkeit für die Wiedervereinigung. Der Beitritt zur Block-CDU habe sie vor dem Verlust des Studienplatzes gerettet, meinte sie. Und dass man das mit den Blockflöten nicht so einseitig sehen dürfe. Nach dem Mauerfall habe der damalige Ost-CDU-Vorsitzende Lothar de Maiziere klar gesagt, man werde auf keinen Fall mit der SED-PDS koalieren. Hoznagel: „Das war ganz wichtig." Ratlosigkeit auf den Gesichtern der schwäbischen CDU-Freunde. Eine Koalition mit den Dunkelroten? Für West-Christdemokraten unvorstellbar. Für DDR-CDU-Leute dagegen war die Kooperation mit den Sozialisten jahrzehntelang Realität gewesen und auf kommunaler Ebene ist sie in Ostdeutschland heutzutage durchaus gängig.

Wie prägend die West- beziehungsweise Ostsozialisation ist, zeigte sich auch in der Diskussion. Zu realisieren, dass die Linke in Mecklenburg-Vorpommern politisch die drittstärkste Kraft ist, fiel den einheimischen Christdemokraten sichtlich schwer. Warum so viele Ostdeutsche die wählen, wurde gefragt. „Das kann ich nicht beantworten", räumte Seite ein. Vielleicht sei es ein taktischer Fehler gewesen, „dass wir großzügig waren und das Gros der Lehrer behalten haben". Gysi und Co hätten es geschafft, die Diktatur-Kutte wegzuwerfen. „Bei uns gibt es immer nur einen Feind: die Rechten." Die NPD hat sechs Sitze im Landtag von M-V. Holznagel fügte hinzu: „Die Arbeitslosigkeit spielt in jeder Familie eine Rolle." Dabei sei die Lage mit 15 Prozent Arbeitslosenquote derzeit „relativ gut". Dass die Quote gesunken ist, liegt laut Seite aber vor allem daran, „dass wir viel weniger arbeitsfähige Menschen haben als früher". Damit war man beim Thema Abwanderung. Was man dagegen tue, wurde gefragt. Auch hier Ratlosigkeit. „Migration gab´s schon immer", befand Seite. „Da kann Politik wenig machen." Bitter sei, dass gerade die Ausgebildeten und die jungen Frauen gingen. Seite resigniert: „DDR – Der Dumme Rest." Dass Jugendweihe statt Konfirmation immer noch der Renner ist, wunderte ebenfalls viele Westler. „Wir erleben eine Entchristlichung", erklärte Seite. In Mecklenburg-Vorpommern seien noch 20 Prozent evangelisch, fünf Prozent katholisch. Die Frage, wieweit die CDU davon abhängig ist, dass Kirche existiert, verwunderte wiederum die Ostler, da in ihrer Region Kirche und CDU keine gewachsene Verbindung ist.

Welche Erwartungen man an den Westen habe, wollte Erwin Hees vom CDU Gemeindeverband Reichenbach wissen. Holznagel: „Wir haben noch viel Platz in unseren Gewerbegebieten." Davon hielt Seite nichts: „Wer soll denn da noch kommen? Wir haben unseren Aufschwung gehabt. Die Solidarität ist zu Ende. Es gibt im Westen Gebiete, die sehen schlimmer aus als der Osten. (Zwischenruf: „Genau!") Wir müssen jetzt auf eigenen Füßen stehen."

   

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