„Kein Mensch ist eines Zweckes wegen da“
Esslingen: Geriatrisches Zentrum Kennenburg erinnert mit
Gedenktafel an Opfer der Euthanasie
Eßlinger Zeitung 15.06.09
(gvl) – Gerhard Becker (39 Jahre alt), Robert Herzfeld (52),
Reinhard Kirchner (30), Gertrud Neithold (41), Walter Plange (35),
Lotte Schweizer (geb. 1912), Gerhard Vorster (47), Heinz Zapf (39),
Magdalena Maier-Leibnitz (25) – die Namen dieser neun Frauen und
Männer stehen nun auf einer Gedenktafel im Park des Geriatrischen
Zentrums in Kennenburg. 1940 und 1941 wurden diese Patienten aus der
damaligen Privatklinik abtransportiert und im Namen der
nationalsozialistischen Rassenideologie umgebracht.
Zur Enthüllung der Tafel am Samstagnachmittag waren rund 100
Gäste zugegen. Angehörige ebenso (siehe oberen Artikel), wie
Vertreter der evangelischen Gesamtkirchengemeinde und der Stadt, die
gemeinsam das Projekt zur Erforschung der Euthanasieopfer aus
Kennenburg ermöglicht hatten. Zwei Jahre lang konnte die
Kulturwissenschaftlerin Gudrun Silberzahn-Jandt die Schicksale der
neun Patientinnen und Patienten verfolgen. Als Ergebnis liegt nun
eine Arbeit vor und man entschloss sich, mit einer Tafel an die
Opfer zu erinnern. „Auch um wachsam zu bleiben, gegenüber allen
menschenverachtenden Tendenzen“, so der Bürgerausschussvorsitzende
Karl-Heinz Thiel. Für die Leiterin des geriatrischen Zentrums Gisela
Rehfeld ist das, was vor fast 70 Jahren geschehen ist, auch eine
Mahnung, „heute alles zu tun, damit Menschen, die behindert, alt
oder krank sind, sich nicht als Zumutung empfinden“. Dekan Dieter
Kaufmann erinnerte daran, dass erst die Beseitigung der Demokratie
und die Verleugnung der Idee individueller Menschenrechte den Weg
zur Vernichtung von so genanntem lebensunwertem Leben geebnet haben.
Auch wenn die Kennenburg 1940/41 in Privatbesitz war (im Sommer
1941 wurde sie an die Stadt verkauft), bekannte sich
Oberbürgermeister Jürgen Zieger zu einer „Verantwortungsnachfolge“.
Er versprach, sich dafür einzusetzen, dass auch die Geschichte
derjenigen Eßlinger Euthanasieopfer erforscht werde, über die noch
nichts Näheres bekannt ist. „Ich würde mich freuen, wenn ein neues
Projekt gemeinsam mit mehreren Trägern zustande kommen könnte“, so
Zieger. Auf Nachfrage, ob die Stadt bereits Geld dafür in petto
habe, antwortete Zieger: „Wir haben derzeit eine sehr angespannte
Finanzsituation. Wir beschäftigen uns mehr damit, wie wir Geld
einsparen und nicht wie wir es ausgeben können.“ Er halte es zudem
nicht für entscheidend, ob das Forschungsprojekt in diesem oder im
nächsten Jahr auf die Beine gestellt werden könnte.
Über eine möglichst baldige Fortsetzung der Forschung freuen
würde sich sicherlich Gudrun Silberzahn-Jandt. Im Rahmen ihrer
Arbeit sei sie auf etwa 70 Eßlinger gestoßen, die ebenfalls dem
Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen seien,
erläuterte sie. Pfarrer Reiner Zeyher mahnte: „Kein Mensch ist eines
Zweckes wegen da.“ Auch diesem Grundgedanken werde mit der neuen
Gedenktafel Ausdruck gegeben.
„Eine Mauer gegen das Vergessen“
Esslingen: Angehörige von Opfern und Tätern der Euthanasie sind
froh, dass in Kennenburg an neun ermordete Patienten erinnert wird
„Große Dankbarkeit“ empfinde sie heute, erklärte Magda Maier bei
der Gedenkfeier für die Euthanasieopfer der ehemaligen Privatklinik
Kennenburg. Am Samstag wurde im Park des Geriatrischen Zentrums
Kennenburg eine Tafel mit den Namen von neun Patientinnen und
Patienten enthüllt, die 1940 und 1941 aus der Klinik abtransportiert
und ermordet wurden. Ein Tag des Erinnerns nicht nur für Magda
Maier, deren Kusine Magdalena Maier-Leibnitz, von Kennenburg aus dem
Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten zum Opfer fiel sondern
auch für Dr. Burkhard Krauß, dem Sohn des damaligen Klinikchefs Dr.
Paul Krauß.
Von Gesa von Leesen
Beide waren froh, dass sie eingeladen worden waren zu dieser
Feier. Für die 79-jährige Magda Maier ist das aktive Gedenken an die
Opfer ein Aufruf, wachsam zu bleiben. Für den 70 Jahre alten
Burkhard Krauß auch eine Mahnung daran, „dass Menschen so werden
können und dass wohl niemand sicher sein kann, er wäre in jener Zeit
davor gefeit gewesen, schuldhaft zu werden“.
Die Erinnerung von Magda Maier an ihre Kusine sind eher vage:
„Ich habe sie als Kind kennen gelernt und Pippa – so haben wir sie
in der Familie genannt – war 14. Pippa sah für mich immer aus wie
eine Prinzessin.“ Pippa war eine Kusine väterlicherseits,
mütterlicherseits war die Familie jüdisch. „Meine Mutter, mein
Bruder Georg und ich gingen 1939 nach England und konnten dort
während des Krieges bleiben. Mein Vater blieb in Deutschland.“ Der
Vater war der Jurist Reinhold Maier, der 1945 von der amerikanischen
Militärregierung als Ministerpräsident von Württemberg-Baden
eingesetzt wurde. Die Familie konnte 1946 nach Deutschland
zurückkehren. Am 22. April 1941 war Pippa in der NS-Tötungsanstalt
Hadamar in Hessen vergast worden. Magda Maier erfuhr mit 16 von
ihrer Mutter „dass die Pippa nicht normal gestorben war. Mir war
klar, dass die Nazis sie vernichtet hatten.“ „Ermordet“ möchte sie
nicht sagen: „Zu einem Mord gehört ein persönliches Motiv. Aber es
wurde ja aus einer Theorie heraus getötet, weil man eine so genannte
reine Rasse haben wollte.“ Magda Maier studierte Deutsch und
Geschichte, unterrichtete dann aber von 1948 bis 1990 Englisch an
der Stuttgarter Waldorfschule in der Hausmannstraße. In der eigenen
Familie sei Euthanasie nicht thematisiert worden: „Für meine Mutter
war das zu arg, zumal ja viele Verwandte von ihr ´abgeholt´ worden
waren, wie man damals sagte.“ Später sei aber durchaus im weiteren
Verwandtenkreis sowie mit Freunden darüber gesprochen worden. „Aber
heute stellt man sich das alles viel Dramatischer vor, als es war.
Zum einen hatte jeder sein eigenes Leben aufzubauen und dann darf
man das Schweigen nicht vergessen.“ Wobei Magda Maier das Schweigen
der Angehörigen von Euthanasieopfern nicht pauschal feige nennen
will: „Wenn heute ein Angehöriger in einem – ich nenn es jetzt mal
so – Irrenhaus stirbt, läuft die Familie auch nicht gleich zur
Zeitung.“
Auch in der Familie von Burkhard Krauß waren die Ereignisse von
1940/41 selten ein Thema.
Von 1939 bis 41 hatten Großvater Reinhold und Vater Paul Krauß die
private Heilanstalt für Nerven- und Gemütskranke geleitet. Als
vierte Klinik im Deutschen Reich meldete sie Namen von Patienten für
die Transportlisten. Im Grafeneckprozess 1948 (Grafeneck war die
erste Tötungsanstalt für Behinderte) sagte Paul Krauß aus, dass ihm
der Zweck der „Verlegung“ bekannt gewesen sei und er im Gespräch mit
dem Innenministerium in Stuttgart sieben Personen von der Liste
„verhandelte“, so die Kulturwissenschaftlerin Gudrun Silberzahn-Jandt,
die in zweijähriger Arbeit die Schicksale der neun Euthanasieopfer
von Kennenburg erforscht hat. Sieben Menschen zu retten, aber neun
in den Tod zu schicken – das habe seinen Vater immer bedrückt,
erzählt Burkhard Krauß, der in die Fußstapfen seines Vaters trat und
als Psychiater Leiter des Christophsbades in Göppingen wurde. Mit
Euthanasie habe er sich erst als Erwachsener ernsthaft beschäftigt.
Und auch „wenn ich persönlich nicht schuldhaft verstrickt war, fühle
ich mich jetzt nicht gerade so wohl, wenn ich neben einer
Angehörigen eines Opfers sitze. Aber es ist gut, dass diese Tafel
angebracht worden ist, das ist eine Mauer gegen das Vergessen. Für
jeden von uns.“
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