Professor bringt Kunst in die Provinz
Aichwald: Frieder Gadesmann verhilft der Kommune zu
künstlerischem Renommee
Eßlinger Zeitung 21.12.08
Von Gesa von Leesen
„Im Spiegel der Bilder“ heißt die Kunstausstellung, die seit
fünf Jahren in der Adventszeit Menschen ins evangelische
Gemeindehaus nach Aichschieß lockt. Und da kommen nicht
ausschließlich Aichwalder. Wer sich für gute Grafik interessiert,
reist auch schon mal ein-, zweihundert Kilometer, um die Schau zu
sehen und vielleicht etwas zu kaufen. Die Ausstellungsreihe hat
Frieder Gadesmann ins Leben gerufen. Der Aichwalder ist ein
Kunstbesessener. Schuld daran ist sein ursprünglich erlernter Beruf:
Schriftsetzer. Der gefiel dem Jungen aus Niedersachsen zwar nicht,
gab ihm aber eine Prägung fürs Leben, wie er sagt: „Die Liebe zur
Grafik.“
Dazu kam, dass in der Nähe seines Heimatdorfes in der Lüneburger
Heide das einstige KZ Bergen-Belsen lag. „Wenn die so genannten
entarteten Künstler von den Nazis verfolgt worden waren, mussten die
doch etwas Besonderes gemacht haben. Was das war, wollte ich
wissen.“ Nicht nur die Werke wollte der junge Gadesmann kennen
lernen sondern auch ihre Erschaffer. Und während er bei der
Bundeswehr eine Ausbildung zum Krankenpfleger machte – „Meine Frau
und ich haben früh geheiratet, da wollte ich Geld verdienen“ –
begann er, Kontakte in die Kunstwelt zu knüpfen. Nach der
Bundeswehrzeit studierte er an der Pädagogischen Hochschule Lüneburg
Volksschullehrer, es folgten Theologie und Erziehungswissenschaften.
Die 68er-Bewegung politisierte ihn, er war im Asta, saß für die SPD
im Stadtrat von Bleckede (dem Geburtsort von Jörg Immendorf), wurde
später Personalrat und Personalratsvorsitzender. Denn: „Politisch
aktiv zu sein, gehört zum Leben.“ In der SPD sei er noch immer, sagt
der 65-Jährige. „Aber inzwischen ist die Partei ganz anders
geworden. Sie hat sich sehr von ihren Ursprüngen entfernt.“
Als 1974 die erste Tochter zur Welt kommt, geht Gadesmann als
Assistent an die PH Esslingen, seitdem leben er und seine Frau in
einer Doppelhaushälfte in Aichwald. Er wird Dozent für evangelische
Theologie, kommt nach Auflösung der PH an die in Ludwigsburg.
Nebenher schreibt er: „Wissenschaftliche Aufsätze, Gedichte,
Geschichten und Schulbücher.“ Drei Jahre ist er als Professor und
Aufbauhelfer in Zwickau und Chemnitz, kommt erleichtert zurück: „Es
war deprimierend: Entlassungswellen, die Entdeckungen, dass
sympathische Kollegen Mitarbeiter der Staatssicherheit waren.“ Doch
auch die Zeit im Plattenbau hatte ihr Gutes: „Ich habe mich mit dem
weißrussischen Künstler Anatol Kaplan beschäftigt, die Leipziger
Schule kennen gelernt und war von Sitte fasziniert.“ Gadesmanns
Sammlung wächst.
Und er entdeckt noch eine Leidenschaft: Amazonien. Wenn es
irgend geht, hält er einmal im Jahr in Südamerika Seminare für
Entwicklungshelfer, lernt dadurch den Amazonas kennen. „Ich bleibe
dann immer noch zwei Wochen und ziehe mich in den Regenwald zurück,
bin dort nur mit Ureinwohnern zusammen. Die Lebensvielfalt in dieser
im wahrsten Sinne traumhaften Umgebung fasziniert mich.“ Vielleicht
müsse man manchmal etwas Verrücktes machen, um normal zu leben,
meint er und lächelt vorsichtig.
Seit zwei Jahren ist Gadesmann in Pension und seitdem ist die
Arbeit im Verein „Kunstkreis Aichwald-Aichschieß“, der die jährliche
Kunstausstellung in Aichwald organisiert, ein Lebensschwerpunkt
geworden. Zeigte die erste noch eine Auswahl aus der Sammlung von
Gadesmann sowie geliehene Werke, widmet sich die Schau seit 2004
immer einem oder zwei Künstlern: Alfred Pohl, Paul Flora, in diesem
Jahr Ruth Stahl und Heinz Friedrich und im vorigen Jahr als eine
echte Sensation Markus Lüpertz, der international nicht nur für sein
Werk sondern auch für seine exzentrischen Auftritte bekannt ist.
Gadesmann sieht man den Stolz auf diese Leistungen an. Die
Ausstellungen werden möglich, weil er die Künstler kennt. „Teilweise
sind auch Freundschaften entstanden“, erzählt er. „Sogar ein wenig
mit Lüpertz. Weil die Menschen merken, dass ich an ihnen und ihrem
Werk wirklich interessiert bin und auch weil ich mich um ehrliche
Kritik bemühe.“ Für das nächste Jahr werden Grafiken von Christian
Mischke und Hermann Käthelhön (1884 – 1945) im Mittelpunkt der
Ausstellung stehen. Das ist sogar bei Wikipedia zu lesen. Darauf
weist Gadesmann hin: „Unser Gemeindehaus ist das einzige, das dort
als Stichwort vorkommt.“
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