„Nur weil man alt ist muss man nicht um sieben ins Bett“

Esslingen: Große Nachfrage beim späten Abenddienst der Diakonie – Pflegerinnen dringend gesucht - Eßlinger Zeitung 09.03.09

Von Gesa von Leesen

Wenn der Pflegedienst gegen 20 Uhr komme, sei das eine gute Zeit. „Nur wenn´s später wird und die Fernsehsendung schon begonnen hat, stört das manchmal“, meint Eva B. Die 84-Jährige lächelt dabei. Sie und ihr Mann bekommen morgens und abends Besuch von einer Pflegekraft der Diakonie. Heute Abend ist es Gisela Zilch, die den beiden die Kompressionsstrümpfe auszieht und beim 82 Jahre alten Gatten den Urinbeutel wechselt. Gisela Zilch fährt fünf- bis sechs Mal im Monat abends pflegebedürftige Menschen an. Von 20 bis 24 Uhr dauert die Schicht, bei der 13 bis 15 Patienten versorgt werden, erzählt sie. „Manchmal kann es auch ein Uhr werden.“ Außer ihr sind noch vier examinierte Kolleginnen im späten Abenddienst unterwegs.

Die Spätschicht ist bei den Kunden beliebt. Vor anderthalb Jahren hat die Diakonie erstmals angeboten, die abendliche Pflege zwischen 20 Uhr und Mitternacht zu absolvieren. „Die Schicht war sofort ausgebucht“, erzählt Pflegedienstleiterin Sabine Kalisch-Cole. „Das kann man ja auch nachvollziehen: Nur weil man alt ist, muss man ja nicht um sieben Uhr ins Bett.“ Die Nachfrage sei enorm: „Wir würden gerne eine zweite, parallele Spätschicht anbieten, aber wir finden keine Mitarbeiter.“

Das Ehepaar B. hat an diesem Abend schon auf Gisela Zilch gewartet. Lange habe sie ihren Mann, der an Parkinson leide, selbst gepflegt, sagt Eva B. „Aber dann hatte ich einen Zusammenbruch, es ging nicht mehr.“. Die große Altbauwohnung in Oberesslingen ist auf den Rollator des Ehepaares, das 30 Jahre lang in Stuttgart eine Apotheke betrieben hat, gut eingerichtet, im Treppenhaus wurde ein Lift installiert. Werner B. kommt im Bademantel zurück ins Wohnzimmer. Er wolle jetzt noch ein wenig lesen, sagt er und deutet auf den Schreibtisch, wo das neue Darwin-Buch von Jürgen Neffe liegt. „Das ist sehr gut“, meint er noch und man merkt: Nun will er seine Ruhe haben.

Mit dem VW Fox – einen dieser Wagen hat die EZ-Weihnachtsspendenaktion finanziert –  geht es zum nächsten Patientin. Lore F. soll ihre abendliche Medizin möglichst spät nehmen. Die 80-Jährige sitzt auf ihrem Sofa im Eigenheim in Serach. Gisela Zilch bringt ihr eine Tablette und ein Glas Wasser: „Nehmen Sie noch einen Schluck, dann rutscht´s besser.“ Die Witwe leidet an Demenz und wird von Heike Übelhauser 24 Stunden lang betreut. „Ich führe den Haushalt, koche, wir gehen spazieren, machen Gymnastik“, erklärt die junge Frau. „Darüber bin ich sehr froh“, sagt sie Lore F. und Übelhauser lächelt.

Gisela Zilch schreitet schnellen Schrittes zum Auto, Berkheim steht auf dem Programm und die ausgebildete Kinderkrankenschwester ist auch auf der Straße fix unterwegs. „Um die Zeit ist ja zum Glück relativ wenig los“, meint sie. Drei Mal am Tag kommt die Diakonie zu Manfred K., der Abenddienst ist für die kleine Toilette, wie es in der Pflegesprache heißt, zuständig, also fürs zu Bett bringen und Waschen. Manfred K. leidet an den Folgen eines Schlaganfalls und an Parkinson, er sitzt im Rollstuhl. Seine Frau Marga freut sich, als Gisela Zilch kommt. Die beiden wechseln ein paar Worte und verschwinden gemeinsam mit Manfred K. im Badezimmer. „Ich helfe“, erzählt Marga K., die ihren Mann auch sonst versorgt. „Noch geht das.“ 74 Jahre alt sei sie, ihr Mann 76. „Bis vor ungefähr fünfzehn Jahren sind wir noch Alpin-Ski gefahren, mein Mann war Leichtathlet. Tja.“ Dass die Pflege zwischen halb neun und halb zehn am Abend komme, sei ihr sehr recht, früher sei er oft kurz nach sieben zu Bett gebracht worden: „Dann ist die Nacht doch sehr lang.“

Es geht auf 21.30 Uhr zu, Gisela Zilch fährt enge Straßen bergauf, ein Aussiedlerhof ist ihr Ziel. Die Pflegefachkraft öffnet das Hoftor, geht über einen dunklen Hof voran zum Wohnhaus, schließt die Tür auf und hinter sich wieder zu: „Die rastet nicht richtig ein und hier draußen sind auch Tiere unterwegs.“ Im Erdgeschoss wohnt Erwin K.. Der 82-jährige sitzt in seinem Rollstuhl am Esstisch, der Teller ist schon leer, er klemmt sich den Becher mit Tee zwischen die Hände, trinkt noch einen Schluck. Der Fernseher läuft, an den Wänden erinnern Fotos an das Leben und Arbeiten auf dem Hof in den vergangenen Jahrzehnten. Im ersten Stock wohnen Sohn und Schwiegertochter, die sich kümmern, so Gisela Zilch. Mit 70 habe er aufgehört zu arbeiten, erzählt der Landwirt, der seit seinem Schlaganfall nur mühsam sprechen kann. Seit dreieinhalb Jahren komme die Pflege, vor einem halben Jahr habe er die Spätschicht gebucht. „Das ist besser, sonst war ich zu früh im Bett.“ Die kleine Toilette zahlt hier die Pflegekasse, das Ausziehen der Kompressionsstrümpfe läuft über die Krankenkasse.

Kalisch-Cole berichtet, dass es im Pflegekatalog durchaus Zeitrichtwerte für die einzelnen Leistungen wie Waschen, Kämmen, Transfer gebe. Doch wie lange etwas tatsächlich dauert, liege an der Situation vor Ort. Gisela Zilch arbeitet effektiv ohne hektisch zu werden. Ihr gefällt die Arbeit: „Über die Jahre bauen sich ja Beziehungen auf, die Patienten erzählen gerade beim zu Bett gehen, was los ist, auch was sie sorgt. Das ist ein gutes Gefühl.“ Klar, teilweise sei es auch bedrückend, vor allem wenn Menschen alleine leben: „Da verlässt man manchmal abends die Wohnung und denkt: Hoffentlich geht das gut.“

Der Bereich Pflege der Diakonie und Sozialstation Esslingen betreut etwa 480 Frauen und Männer. Für eine zusätzliche Spätschicht werden auf 400-Euro-Basis noch Mitarbeiter gesucht. Voraussetzung ist eine dreijährige examinierte Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin oder als Altenpflegerin. Kontakt: Kalisch-Cole, Tel.: 0711 39 69 88 55

 

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