Von Wolke zu Wolke gleiten

Esslingen: Hoch über dem Jägerhaus machen die Segelflieger ihren Traum wahr – „Mit Motor kann das ja jeder“

Eßlinger Zeitung 31.08.09

 

Weiße Wolken am blauen Himmel, Sonne, Wind – da freuen sich die Segelflieger. Wenn das Wetter es zulässt, treffen sich die Aktiven des Aero-Clubs Esslingen am Wochenende auf ihrem Segelflugplatz Jägerhaus. Hier können 14-Jährige das Segelfliegen lernen, hier fröhnen alte Hasen ihrer Leidenschaft. Und wer einmal in der Luft gesegelt ist, versteht, dass man für Motorflugzeuge Verachtung entwickeln kann.

Von Gesa von Leesen

 

„2-8 fertig.“ Pilot und Segelfluglehrer Joachim Beh gibt an die Flugleitung durch, dass er startklar ist. An der Winde, die am Ende des Flugfeldes steht, blinkt vorne eine Lampe. Beh: „Das heißt, die Winde ist fertig.“ Vom Luftsack am Rande des Feldes weiß er, wohin es das Flugzeug treiben wird. Es geht los. Die ASK 21 rattert über den Rasen, plötzlich hebt sie ab, steil steigt sie in die Luft, zu sehen sind nur noch Wolken und Himmel. „So steil ist das gar nicht, höchstens 45 Grad, aber es kommt einem steiler vor“, erläutert Beh. Da knallt etwas knirschend und ohrenbetäubend. „Das war ein Seilriss an der Sollbruchstelle. Entschuldigung. Eigentlich wird das ausgehakt und dann knackt es nur leise“, beruhigt Beh. Gut! Das Segelflugzeug namens „Stadt Esslingen“ gleitet nun waagerecht über den Segelflugplatz am Jägerhaus, der Flughafen Stuttgart ist auszumachen. Schnell wird nachvollziehbar, warum Menschen das Segelflugfieber packen kann. Lautlos schwebt man über der Erde, der Blick aus 300 Metern Höhe durch die gläserne Kanzel ist weit und unverstellt. „Schlechte Thermik heute“, meint Beh. „Da hinten Richtung Alb wäre es besser. Das sieht man an den Wolken. Hier ist die Basis schon zu zerfetzt.“ Basis, das ist die Unterseite der Wolken und an der erkennen die Segelflieger, wie die Thermik ist. Treibt es die Wolken auseinander und sind sie dunkel, kommt keine Wärme hoch, es fehlt der Aufwind. Und ohne Aufwind kein Segelfliegen. „Heute kommen wir nicht weit weg vom Platz“, bedauert Beh. Doch ein paar Runden kann er gleiten. Das Flugzeug legt sich auf die Seite und schon nähert es sich wieder dem Flugfeld. Beh lässt den Flieger aufsetzen, der rumpelt und bleibt stehen. Nun heißt es nur noch, sich aus den Gurten zu befreien, den flachen Fallschirm abzuschnallen und sich aus der kleinen Kabine zu hieven.

Auf dem Feld warten schon die nächsten Schüler auf Beh. Alexander Gauthier ist gerade 14 Jahre alt, das ist das Mindestalter, um das Segelfliegen zu lernen. Vor drei Monaten hat er angefangen, nun hat er bereits den ersten Alleinflug hinter sich. Ist er besonders begabt? Der hoch aufgeschossene Teenager guckt verlegen. „Na ja, ich war auch noch zwei Wochen im Flugcamp, da lernt man natürlich schnell viel.“

„Das ist das Gute am Segelfliegen, das können schon Jugendliche machen“, sagt Eduard Beck. „Und die Kosten in so einem Verein halten sich in Grenzen. Die Schüler müssen nur die Fixkosten des Fluges tragen, die Fluglehrer arbeiten ehrenamtlich.“ Beck gehört zu den Gründungsmitgliedern des Aero Clubs, der 1950 aus der Taufe gehoben wurde. 28 Jahre lang war der 79-Jährige Vorsitzender, 35 Jahre Fluglehrer. Rund 250 Mitglieder habe der Verein derzeit, davon seien etwa 45 aktive Flieger. Mit sieben Einsitzern und zwei Doppelsitzern ist der Club gut ausgerüstet. Das Motorflugzeug sei das „ein Arbeitstier“, so Beck, das die Segelflieger in die Luft schleppt, wenn diese nicht den Windenstart nutzen.

Wind brauche es nicht zum Fliegen, erklärt Beck. Ideal sind Sonne und Wolken. Unter den Wolken ist der Aufwind. „Und mit dem fliegt man von Wolke zu Wolke.“ Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Genaue Kenntnisse der Thermik und der Wolkenformation sind notwendig. Maximal bis 3000 Metern Höhe könne man hier fliegen, so Beck. „Das erreichen wir aber in den seltensten Fällen. An guten Tagen ist die Basis 2000 Meter.“ Genau über dem Platz liegt die Grenze bei 600 Metern – wegen des Stuttgarter Flughafens. Aber telefonisch könne man sich Freigaben einholen. „Heute dürfen 1500 Meter hoch. Das klappt in der Regel reibungslos“. Doch die Höhe ist gar nicht das Entscheidende. Beck: „Als Segelflieger hat man eher den Ehrgeiz, möglichst lange und weit zu fliegen und wieder nach Hause zu kommen. Und das alles ohne Motor. Mit Motor kann das ja jeder.“

 

Einblicke ins Segelfliegen können Besucher beim Fliegerfest am 12./13. September gewinnen. Ab 12 Uhr am Samstag und ab 10 Uhr am Sonntag präsentiert sich der Aero Club auf dem Segelflugplatz ES-Jägerhaus. Es gibt Essen und Trinken, ein Kinderprogramm und Gastflüge.

   

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