Kulturgut verschwindet
Das große Büchersterben oder Das
merkwürdige Wettrennen
zwischen Buch und Datei
Von Gesa von Leesen
Parlament Juli 2007
Muss erst eine historisch bedeutende
Bibliothek abbrennen, damit der Wert von Büchern erkannt wird? Das
dürften sich manche Bibliothekarin und Archivar gedacht haben, als
nach dem Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar am 2.
September 2004 eine Welle der Spendenbereitschaft durchs Land lief.
Menschen, die noch nie in ihrem Leben in der Bibliothek, geschweige
denn in Weimar gewesen waren, gaben Geld, insgesamt 17 Millionen
Euro kamen zusammen (benötigt werden 67 Millionen Euro). Zerstörte
Bücher können die Öffentlichkeit also bewegen, doch wenn ein Feuer
dazu nötig, ist der Preis gewiss zu hoch, um das Problem in den
Fokus zu rücken. Denn es ist ein Problem. Unbemerkt vom normalen
Bürger und offenbar auch von großen Teilen der Politiker zerfallen
in Archiven und Bibliotheken zigtausende alte Bücher, Urkunden und
Chroniken. Es droht ein Büchersterben gigantischen Ausmaßes.
Um es aufzuhalten, wird Geld benötigt.
Sehr viel Geld. 1988 hat das inzwischen aufgelöste Deutsche
Bibliotheksinstitut die erste und einzige Schadensanalyse vorgelegt,
die besagt, dass etwa 40 Prozent des gesamten Bibliotheksbestandes
mehr oder weniger vergilbt oder bereits brüchig sind. Am schwersten
beschädigt ist der Bestand aus der Zeit von 1850 bis 1970. Seit
Jahren beobachten die Fachleute, wie sich hier Säure durch Papiere
frisst. 60 Millionen Bücher gelten als betroffen. Das Massenphänomen
beruht auf der schlechten Qualität des Papieres, das in jener Zeit
für den Buchdruck verwendet wurde. 97 Prozent der mit Papier aus dem
Holzschliffverfahren hergestellten und zusätzlich mit säurehaltigem
Harz geleimten Bücher dieser Epoche sind vom Verfall bedroht. Für
Wolfgang Frühwald, Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung,
entschwindet hier im Staub der Zeit das bürgerliche Zeitalter. Auf
dem Kongress „Schriftliches Kulturgut erhalten – eine nationale
Aufgabe im europäischen Rahmen“ im März 2006 in Leipzig erinnerte
Frühwald eindringlich daran, was der Massenzerfall von schriftlichem
Kulturgut aus dieser Zeit bedeutet: „Mit der kulturellen Basis
dieses Jahrhunderts zerfällt mehr als ein bestimmter Buchbestand, es
zerfallen Spuren, Botschaften, Erinnerungen eines Zeitalters,
welches an der Wiege der Moderne gestanden hat und als ein Zeitalter
von Technik, Maschinen, Massenbewegungen und Breitenlektüre noch die
Nachmoderne strukturiert. Wer die Spuren dieses Zeitalters
verwischt, wird weder Marx, noch Hegel, weder Darwin noch Nietzsche,
weder Flaubert noch Dickens, weder Tolstoi noch Dostojewski, weder
Einstein noch Röntgen richtig einzuordnen vermögen.“
Frühwald forderte in Leipzig, sich
endlich des Erhalts der säuregeschädigten Bücher anzunehmen. Erhalt
– nicht Digitalisierung. Frühwald: „Die Möglichkeit der
elektronischen Speicherung hat die Illusion erzeugt, die Menschheit
habe das Problems des auf Vergessens und Selektion angelegten
Gedächtnisses durch Technik gelöst. Das Gegenteil ist bekanntlich
der Fall.“
Denn das bloße Bewahren sei nutzlos:
„Es geht darum, das zu Bewahrende in eine kulturelle, vielleicht
sogar wissenschaftliche Perspektive zu rücken. Bibliotheken müssen
sich - auch aus Mangel an Mitteln – konzentrieren auf das Kostbare,
das Seltene, auf ihre Cimelien.“
Originale erhalten oder
digitalisieren?
Auch Reinhard Feldmann ist der Ansicht,
dass in punkto Bestandserhaltung die Digitalisierung nicht der
allein selig machende Weg ist. Vielmehr werfe sei eine Reihe von
Fragen auf: „Wie
speichern wir? Wie lange sind die Speichermedien haltbar? Wollen wir
digital lesen? Und hat eine Sammlung nicht auch historischen Wert?“
Feldmann arbeitet an der Universitäts- und Landesbibliothek Münster
und managt das Forum Bestandserhaltung, ein www-basiertes
Informations- und Kommunikationssystem zu allen Aspekten der
Bestandserhaltung in der Republik. „Wenn das Papier zerfällt, gibt
es zwei Möglichkeiten: Ich rette das Original oder die Information.
Meiner Ansicht nach sollte man das eine tun, ohne das andere zu
lassen.“ Digitalisierung könne zwar ein sinnvoller Weg sein, die
Information zu retten. Doch Feldmann liegt das Original am Herzen,
umso mehr als durch die Initiative der EU i2010 Millionen Euro in
die Europäische Digitale Bibliothek fließen: „Da gehen wir ein wenig
unter. Unser Anliegen ist derzeit nicht so schick.“ Digitalisierung
ist sinnvoll, um Wissen für Studierende und der interessierten
Öffentlichkeit leichter zugänglich machen zu können: „Doch wir
müssen auch das kulturelle Erbe bewahren, also das Original
erhalten.“ Um das zu erreichen, könnte man die Originale an einem
sicheren Ort wegschließen, was kaum Sinn der Sache sein dürfte. Also
muss restauriert werden. Die drei Entsäuerungsverfahren – das
Lösemitteltränkverfahren, das Feinstaubverfahren und das wässrige
Tränkverfahren, das nur für Einzelblätter, nicht für Bücher
funktioniert –sind teuer. Um die 15 Euro pro Buch muss laut Feldmann
gerechnet werden. „Bei 60 Millionen beschädigten Büchern kommt da
einiges zusammen.“
Bücher nutzen auch schlicht durch
Benutzung ab, was ja erfreulich ist. Alter Bücher sind Quellen für
das Denken vergangener Zeiten. Feldmann bringt ein Beispiel: „Wir
lesen eine Biographie Bismarcks von 1890, von 1920, von 1933 und von
1955 in der DDR und in der BRD – da sprechen Bücher zu uns als
Zeitzeugen.“ Und selbstverständlich ist es ein Unterschied, ob der
Leser das Buch von 1890 in der Hand hält oder am Bildschirm den Text
von 1890 liest. Auch die Aufmachung eines Buches, die Verarbeitung,
vielleicht sogar
angestrichene Stellen oder Exlibris-Einträge erzählen etwas über die
Zeit seiner Entstehung.
Es fehlen Millionen
Die Schäden sind also riesig und es
stellt sich die Frage: Was tun? Feldmann verweist auf andere Länder.
So stellen die Niederlande jährlich fünf bis sieben Millionen Euro
zur Bestandserhaltung zur Verfügung. „Wir brauchen ein groß
angelegtes Programm mit einem nationalen Fond, der, sagen wir, zehn
Millionen Euro verwaltet. Aus dem könnten Bibliotheken mit
bedeutenden Sammlungen projektmäßig Geld bekommen, wenn sie selbst
eine Kofinanzierung vorlegen.“ Wenn das über einige Jahre liefe,
könnte ein beachtlicher Teil der beschädigten Werke erhalten werden.
Von der Politik kommen in unregelmäßigen Abständen
Goodwill-Erklärungen, doch eine zentral gesteuerte nationale
Strategie scheitert nach Feldmanns Beobachtungen an einem alten
Dilemma: Kultur ist Ländersache, da fühlt der Bund sich nicht so
sehr in der Verantwortung.
Zudem ist es schwierig, das Thema
Bestandserhaltung einer breiten Öffentlichkeit nahe zu bringen. In
Einzelfällen und in der Region sind Bibliotheken durchaus in der
Lage, Sponsorengelder für Erhaltungsmaßnahmen aufzutreiben. So
bieten die großen Bibliotheken Buch-Patenschaften an – mit einen
bestimmten Betrag kann eine Einzelperson die Restaurierung eines
bestimmten Buches bezahlen. Auch für spektakuläre Rettungsaktionen
wie die Restaurierung der Originalhandschrift von Johann Sebastian
Bachs Matthäuspassion lassen sich Sponsoren finden. Insgesamt 1,8
Millionen Euro warb das Bach-Patronat des Vereins der Freunde der
Staatsbibliothek ein, um die Handschrift vor dem endgültigen Verfall
zu bewahren. „Aber wir brauchen auch die Pflege für die gewöhnlichen
Dinge“, sagt Feldmann. „Und da wird es schwierig, Geldgeber zu
begeistern.“
Ein nationaler Aktionstag soll
helfen
Lobbyarbeit im Sinne der
Bestanderhaltung hat sich die Allianz zur Erhaltung des
schriftlichen Kulturgutes auf die Fahnen geschrieben. Im März 2001
konstituierte sie sich unter der Federführung der Bayerischen
Staatsbibliothek und der Staatsbibliothek Berlin. In dieser
Interessengemeinschaft von 14 Bibliotheken und Archiven soll ein
nationales Konzept zur Bestandserhaltung erarbeitet werden. Zudem
tauscht man sich über Foundraisingstrategien aus, will gemeinsame
Konzepte für eine wirkungsvolle Öffentlichkeitsarbeit entwickeln.
Dazu gehört der nationale Aktionstag, der am 2. September 2007, dem
dritten Jahrestag des Brandes der Anna-Amalia-Bibliothek, das Thema
populär machen soll. Organisator und zentraler Veranstaltungsort ist
in diesem Jahr die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und
Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Auch dort hat man derzeit
Großes vor: Es werden zwei Corvinen restauriert. „Weltkulturerbe!“,
betont der sächsische Landesbeauftragte für Bestandserhaltung Dr.
Wolfgang Frühauf. Für die Handschriften aus der einstigen Bibliothek
des ungarischen Königs Matthias Corvinus (1443 – 1490) haben die
Dresdner Restauratoren ein spezielles Pergament-Angießverfahren
entwickelt. Die Restaurierung wird aus dem Etat bezahlt, allerdings
fehlt dann Geld für andere Erhaltungsmaßnahmen – das übliche
Problem.
Der Aktionstag, der unter dem Motto
„Restaurierung und Digitalisierung des schirftlichen Kulturguts in
Deutschland“ steht, wird komplett über Sponsoren aus der Wirtschaft
und über die Kulturstiftung der Länder finanziert. Die hat gemeinsam
mit der Kulturstiftung des Bundes in diesem Jahr erstmals ein
Programm zur „Konservierung und Restaurierung von mobilem Kulturgut“
aufgelegt. Bis 2011 stehen hier sieben Millionen Euro für Museen,
Bibliotheken und Archive zur Verfügung, die in Projekten zum
Beispiel akut bedrohte Objekte oder Sammlungen sichern. Von der
Forderung Feldmanns nach einem verlässlichen nationalen Fond für
Schriftguterhaltung mit zehn Millionen Euro jährlich ist das
Programm zwar weit entfernt, aber immerhin haben Verantwortliche das
drängende Thema ins Visier genommen – und das ist sicherlich ein
besserer Ansatz als Feuer.
|
|