„Das tut man nicht“
Poltical Correctness zwischen Moral und politischem Kampfbegriff
Von Gesa von Leesen
Parlament 12/06 Themenausgabe Ethik
Er solle sich erst mal waschen und rasieren, gab der
SPD-Vorsitzende Kurt Beck einem Arbeitslosen in Wiesbaden mit auf
den Weg, als dieser ihm seine erfolgslosen Jobsuche vorwarf. War
dieser Ratschlag Becks politisch korrekt? Nach Ansicht von Grünen
und der Linken – traditionell der political correctness verdächtig –
Nein. Arbeitslose bedürften derartige verbaler Tritte nicht, sondern
konkrete Hilfe, hieß es von der Linken. Die Grünen nannten Becks
Äußerung „obernaiv und elitär“. Aus Großbritannien wird berichtet,
drei von vier Unternehmern wollten keinen Weihnachtsschmuck in
Büros. In Wokingham verbat die Gemeinde einem Millionär, sein Haus
mit Weihnachtslichterketten zu schmücken und prompt geht ein Geheul
los, „weiße, bürgerliche, liberale Weltverbesserer mit irgendeiner
Art von Schuldkomplex“ wollten Weihnachten den Garaus machen, so der
Tory-Abgeordnete Philip Davies, ein Sprecher der britischen
„Kampagne gegen politische Korrektheit“. Drei Beispiele für
political correctness, jene Sprach- und Verhaltensregeln, die – je
nach Weltanschauung – die Diskriminierung von Minderheiten vermeiden
sollen oder für Denkverbote und eine windelweiche liberale Haltung
stehen.
Die Debatte um PC hatte in der Bundesrepublik in den 90er
Hochkonjunktur. Angestoßen wurde sie von konservativen und rechten
Kreisen. Demnach ist PC dafür verantwortlich, dass wir Deutschen
immer noch kein „normales“ Verhältnis zu unserer Vergangenheit
hätten. PC verhindere Meinungsfreiheit und sorge für Denk- und
Handlungsverbote. Böse PC.
Doch wer steht eigentlich hinter dieser allmächtigen PC? Glaubt
man den schärfsten Gegnern, muss es irgendwo eine verschworene
Gemeinschaft von – wie eben jene Kritiker es ausdrücken würden –
Gutmenschen geben, die mittels eines gnadenlosen Machtapparates über
die Einhaltung des politisch Korrekten wachen. Leider hat sich bis
heute kein Mitglied dieser Gemeinschaft gemeldet. Aber das ist auch
nicht notwendig. Denn in ihren Veröffentlichungen über PC geht es
Kritikern meist nicht um eine Auseinandersetzung mit der Gegenseite.
Es geht darum, die eigene Weltsicht zu etablieren, indem
vermeintliche Tabus gebrochen werden, damit man endlich „die Dinge
wieder beim Namen nennen“ könne, wie es der Publizist Klaus J. Groth
1996 in „Die Diktatur des Guten“ ausdrückte.
Die Kritik an angeblich herrschender politischer Korrektheit war
(und ist) Teil einer neokonservativen Strategie gegen die ihrerseits
als falsch deklarierte liberale Multikulti-Gesellschaft. Das ist die
eine Seite.
Auf der anderen Seite gibt es in der Tat seit den 70er Jahren
einen politisch motivierten veränderten Sprachgebrauch, der sich
durchgesetzt hat. Neger ist tabu, statt dessen heißt es Schwarzer
oder Farbiger. Auf einer Website für Übersetzer wird empfohlen statt
Eskimo Inuit zu benutzen, zu kleine Menschen dürften nicht mehr
Liliputaner sondern sollten Kleinwüchsige genannt werden. Ob an
Stelle von Zigeuner nun Sinti und Roma gesagt werden muss, bleibt
allerdings unklar. Die Mehrheit dieser Minderheit lehnt „Zigeuner“
als diskriminierend ab, einige allerdings kritisieren an „Sinti und
Roma“, dass damit Gruppen wie Kale, Manusch und Lowara
ausgeschlossen werden. Womit der Ursprung der PC erreicht ist – das
Bemühen um Anti-Diskriminierung.
Im Zuge von Bürgerrechts-, Anti-Vietnamkriegs- und
Feminismusbewegung wurde der Begriff ausgehend von
nordamerikanischen Universitäten in den 60ern zur moralpolitischen
Beurteilung von Sprache und Verhalten geprägt. Dahinter stand die
Einschätzung (und Hoffnung), dass eine veränderte Sprache
Diskriminierung von Minderheiten und Frauen abschaffen kann. Mitte
der 80er begannen Studenten die Ausweitung des Lehrstoffes zu
fordern. Statt ausschließlich Pflichtkurse zur „Western Civilsation“
verlangten sie unter anderem Kurse über außereuropäische Kulturen
und weibliche Autoren. Es entstand ein Sprachkodex, der Minderheiten
gerecht einbeziehen sollte. Als dieser Kodex immer rigider wurde,
entstand der Begriff politcally correct zunächst als ironisch
verwendeter Begriff innerhalb der Linken.
In den 90er begannen US-Konservative an Hochschulen und in
Medien in Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner PC als
Kampfbegriff zu prägen. Diese Bewegung schwappte ebenso wie zuvor PC
nach Deutschland über. Munition fanden konservative Kreise
reichlich: Die Umbenennung vom Negerkuss in Schokokuss; Theater
ließen den Agatha-Christie-Klassiker „Zehn kleine Negerlein“ unter
dem Titel „Da waren´s nur noch Neun“ laufen; in kirchlichen
Lebensschützerkreisen gibt es keine „gesunden“ sondern
„nicht-behinderte“ Kinder. Dass allerdings der türkische Kollege
kein Türke sondern ein „Mitbürger mit Migrantenhintergrund“ ist,
dürfte nur schwer in den alltäglichen Sprachgebrauch des deutschen
Kollegen zu integrieren sein.
In der kontrovers geführten Debatte wurde von den Gegnern der
Poltischen Korrektheit gerne behauptet, man könne sich gegen das
PC-Meinungsdiktat kaum wehren. Alleine ihre vielfachen
Veröffentlichungen gegen PC belegen bereits das Gegenteil. Dieter E.
Zimmer schrieb 1993 als Beleg für die unheimliche Macht des PC, die
Autoren Martin Walser, Wolf Biermann, Botho Strauß und Hans Magnus
Enzensberger seien nach nicht pc-gemäßen Reden beziehungsweise
Aufsätzen, durch PC „erledigt“ worden. Heute wissen wir, dass alle
vier weiterhin veröffentlichen und ihre neuen Werke in den
Feuilletons besprochen werden.
Sicherlich gibt es – auch heute - Kreise, in denen PC sehr ernst
genommen wird. Verdächtig sind waldorfschulgeprägte
SozialpädagogInnen, allerdings selten diejenigen, die in der Praxis
arbeiten. Auch so manche Mitglieder linker Splittergruppen mögen auf
korrekte antimperialistische und antidiskriminierende Sprache achten
– das sind kaum die Meinungsmacher in unserer Gesellschaft.
Womit der Einfluss von PC nicht herabgewürdigt werden soll. Ein
Bürgermeister wagt es kaum noch, in seiner Rede auf die
„Bürgerinnen“ zu verzichten. Mag sein, dass er trotzdem ein Macho
ist. Einer gewissen Sensibilisierung für die Tatsache, dass die
Bevölkerung nicht nur aus Männern besteht, konnte er sich kaum
entziehen. Und wenn der Ausdruck „Multikultischwuchteln“ des
ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Henry Nitzsche öffentlich
kritisiert und nicht als lustig-kerniger Spruch abgetan wird, ist
das ein Erfolg von PC.
Ob PC allerdings jemals jene Macht errungen hatte, die
Konservative ihr nachsagten, darf bezweifelt werden. Denkverbote,
die sich über Sprache ausdrücken, existieren in jeder festen
Weltsicht. Die einen „wissen“, dass die USA der Ursprung allen
weltpolitischen Übels ist, in bestimmten Kreisen ist man überzeugt
davon, dass die Gott die Welt in sieben oder sechs Tagen so
geschaffen hat wie sie heute ist, mancher hegt keinerlei Zweifel
daran, dass die Rente mit 67 „alternativlos“ ist. Die Weigerung,
Kant zu folgen, führt zu Denkverboten. PC kann dafür eine Spielart
sein. Mit Ethik hat politische Korrektheit allerdings nichts zu tun,
allenfalls mit Moralvorstellungen und die unterliegen bekannterweise
ständiger Veränderung.
Der Arbeitslose aus Wiesbaden fühlte sich übrigens nicht
beleidigt von Beck und hat dessen Anregung umgesetzt. Die Ablehnung
von Weihnachtsschmuck in britischen Büros hat nichts mit
vermeintlicher Rücksicht auf andere Religionen zu tun, sondern mit
der Einschätzung der Unternehmer, zuviel Schnickschnack am
Arbeitsplatz wirke unprofessionell. Und der Millionär in Wokingham
dufte sein Haus nicht illuminieren, weil seine Nachbarn sich von der
ständigen Beleuchtung belästigt fühlten.
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