Manager der Wissensflut
Wie Unternehmen versuchen, das intellektuelle Kapital der
Mitarbeiter optimal zu nutzen
Das Parlament 20. August 2007
Von Gesa von Leesen
Da wird genetworkt und gechangt, es geht um intellektuelles
Kapital, Wissenscontrolling, Wissenstransfer, intelligente
Suchmaschinen – wenn es um Wissensmanagement geht, prasseln die
Schlagworte. In diversen Unternehmen steht das Thema seit einigen
Jahren hoch im Kurs. Dahinter steckt kurz gesagt die Vorstellung,
das Wissen, das in einem Unternehmen
– also in den Köpfen der Mitarbeiter – vorhanden ist,
strukturiert breit verfügbar machen zu können. Notwendig sei
Wissensmanagement wegen der Globalisierung, der rasanten
technologischen Entwicklung, stetig steigenden Anforderungen, auf
die Firmen noch flexibler reagieren müssten. Eine Ressource, die
noch nicht zu hundert Prozent ausgeschöpft zu sein scheint, ist da
der Mitarbeiter. Was er kann, lässt sich an seinem Tun ablesen. Doch
was er weiß, ist letztlich sein Geheimnis. Wissensmanagement soll
ihm dies entlocken. Über das Wie machen sich Forschungseinrichtungen
und vor allem Beraterfirmen viele Gedanken. Wer das Wort
„Wissensmanagement“ googelt, wird erschlagen mit mehr als einer
Million Treffern. Als erste treten vor allem Institutionen auf, die
Wissensmanagement-Beratung für Firmen anbieten oder die
Informationen rund um das Thema mehr oder weniger gekonnt
publizistisch aufarbeiten und Abonnenten suchen. Ist
Wissensmanagement eine echte Innovation im Zuge des digitalen
Zeitalters oder haben hier Beraterfirmen und Medienmacher ein neues
Geschäftsfeld etabliert, das vorher niemand vermisst hat?
Der Geschäftsführers eines mittelständischen Maschinenbauers
(2000 Beschäftigte) im mittleren Neckarraum antwortete auf die
Frage, ob seine Firma sich mit Wissensmanagement befasse: „Womit?
Für so etwas haben wir keine Zeit. Wir müssen unser tägliches
Geschäft bewältigen.“ Selbstverständlich achtet die Firma darauf,
dass ihre Entwicklungsingenieure sich austauschen, dass Projekte
sinnvoll dokumentiert werden, dass per Intranet Informationen
diejenigen erreichen, die sie benötigen, dass Mitarbeiter
Entwicklungsperspektiven haben. Aber für den Mittelständler ist das
kein Wissensmanagement, sondern logisches Vorgehen, damit die Firma,
deren Auftragsbücher prall gefüllt sind, erfolgreich arbeiten kann.
In dem global
agierenden Wirtschaftsprüfunternehmen Price Waterhouse Coopers (PWC)
beschäftigt man sich dagegen seit acht Jahren aktiv mit
Wissensmanagement. „Unsere 8100 Beschäftigten in Deutschland sind ja
vor allem Kopfarbeiter“, sagt Lutz Roschker. Er ist Partner bei PWC,
leitet in Frankfurt am Main die Abteilung Corporate Development und
ist damit für Wissensmanagement zuständig. Ein Begriff, der seiner
Ansicht nach im Grunde Unsinn ist: „Wissen kann man nicht managen.
Wir managen Menschen.“ In seiner fünfköpfigen Stabsstelle entwickelt
er Strategien, wie „Inhalte und Informationen an die richtigen
Stellen kommen.“ Grundsätzlich besteht das Problem, dass
Beschäftigte ihr Wissen nicht unbedingt gerne breit streuen.
Dahinter steckt die Furcht, Herrschaftswissen zu verlieren oder sich
zu blamieren. So hat eines der ersten Projekte, in dem man mit Hilfe
des Wissens der Mitarbeiter eine Bibliothek aufbauen wollte, nicht
geklappt. Zum einen veraltete das in der entstandenen Datenbank
gesammelte Wissen schnell. Zum anderen beteiligten sich Beschäftigte
nicht an der Wissenssammelei. Offenbar beschlich sie das Gefühl,
ausgesaugt zu werden. Für Roschker ist es notwendig, die
Unternehmenskultur weiterzuentwickeln. „Wenn ich befürchten muss,
dass mein Wissen von einem Kollegen genutzt wird, um sich zu
profilieren, wird es nicht funktionieren.“ Seiner Einschätzung nach
hat sich in dieser Hinsicht schon einiges geändert. „Jüngere Leute,
die mit Blogs und Wikis groß geworden sind, tauschen sich viel
selbstverständlicher aus.“ Diese
durch die neuen Medien geprägt Verhaltensänderung will PWC
nutzen. So plane man derzeit ein Projekt mit Pilot-Wikis. Dort
sollen Fachleute bestimmte Themen besprechen. Als Beispiel nennt
Roschker Nachhaltigkeitsberichte: „Diese werden für Firmen und damit
auch für uns immer wichtiger. Mitarbeiter sollen in den Wikis
austauschen, welche Kundenprobleme es dabei geben kann, wie sie
gelöst werden.“ Neben dem für PWC nützlichen Ergebnis – Schulung der
Mitarbeiter und dadurch bessere Berichte für den Kunden – erfüllen
Wikis einen weiteren Zweck. „Das sind Kommunikationsformen, die
junge Leute kennen und die sie von einer modernen Firma erwarten.“
Als Ansporn, sich an den neuen Kommunikationsformen zu
beteiligen, dienen in der Regel die Erfahrung, dass man immer etwas
zurückbekommt, wenn man selbst Informationen weitergibt und das
Karrierestreben. Denn die Beteiligung wird von Firmenleitungen
positiv bewertet. Letztlich allerdings entscheiden die Umsatzzahlen.
Wenn die stimmen, dürfte es kaum eine große Rolle spielen, ob sich
der betreffende Leistungsträger an Wikis, Blogs oder sonstigen
Austauschforen beteiligt hat.
Doch Roschker ist überzeugt, dass PWC sich mit seiner Form des
Wissensmanagements auf dem richtigen Weg befindet. „Wir müssen ein
Umdenken erreichen. Das lässt sich in einem Unternehmen nicht von
heute auf morgen verwirklichen.“
So schätzt auch Wolfgang Sturz die Situation ein. Unter dem Dach
seiner Sturzgruppe GmbH in Reutlingen berät er seit einigen Jahren
Firmen in punkto Wissensmanagement. Dahinter stehen eigene
Erfahrungen. In seinem Kerngeschäft – Übersetzungen und
Dokumentationen – hatte Sturz Mitte der 90er erlebt, „dass das
Wissen im Urlaub war und uns anderen zehn das Wissen des urlaubenden
Kollegen fehlte.“ Die Folge: Es wurde eine systematische Ablage
eingeführt (Leitzordner), ein Mailsystem folgte, das zentrale
Zugriffe auf Themen erlaubt, anstatt jede Mail jedem Kollegen zu
schicken, und der Austausch unter den Mitarbeitern wurde gefördert.
Früher wurde das als Büroorganisation und Personalführung
bezeichnet. Sturz grinst und sagt: „Wir haben es Wissensmanagement
genannt.“ Er räumt ein: „Im Grunde sind das banale Geschichten, die
aber immer noch Baustellen sind.“
Seiner Überzeugung nach haben viele Chefs noch nicht realisiert,
„dass in den vergangenen Jahren eine Umkehrung der Wissenshierarchie
stattgefunden hat. Früher wusste der Meister quasi alles. Heute
wissen viele Mitarbeiter mehr als ihre Chefs. Der ist im Grunde für
die Strategie zuständig, aber er muss nicht alles wissen.“ Noch nie
seien Informationen derartig frei verfügbar gewesen wie heutzutage,
meint Sturz. „Die Qualifikation besteht nicht mehr darin,
Informationen zu sammeln, sondern zu wissen, was ich damit anfangen
kann.“ Die Geschwindigkeit, mit der sich Technologie und auch
Gesellschaft verändern, lasse „weniger Zeit zum Nachdenken.“ Eine
Kultur, mit dem Informationsoverkill umzugehen, habe sich aber noch
nicht entwickelt. Eben die soll sich im Rahmen von Wissensmanagement
herauskristallisieren, damit die Firma floriert.
Skeptisch sieht Dietmar Born von Born und Partner derartige
Management-Strategien. Der Berliner ist ebenfalls Berater,
allerdings der Ansicht, dass die klassischen Instrumente Unternehmen
nicht wirklich nützen. Sein Ansatz: Der Mensch muss als Ganzes
gesehen werden, mit all seinen Fähigkeiten und Gaben, zu denen auch
Gefühle zählen. Born: „Klassisches Wissensmanagement ist aber im
Grunde nur die x-te Kostensenkungsanalyse. Da wird versucht, aus dem
Kostenfaktor Mensch so viel wie möglich herauszuholen. Dabei geht es
nicht darum, dass der Mensch sein Potential entfalten kann, sondern
es geht ums `Habenwollen`.“ Er verweist auf die jüngste
Gallup-Studie, nach der gerade noch 13 Prozent der Beschäftigten
sich in hohem Grad mit ihrem Unternehmen identifizieren. Der Rest
macht mit oder hat sich innerlich verabschiedet. Für Born eine Folge
falscher Unternehmensführung, die auf Dauer nicht funktionieren
kann. Born: „Jedes Unternehmen wird von bestimmten Denkhaltungen
geprägt und die kommen von der Führungsspitze.“ Wenn dort das Denken
stimmt, folge der Rest automatisch. Um ein Unternehmen erfolgreich
zu führen, müssen seine Stärken und Werte erkannt werden. Born:
„Profit allein ist jedoch kein Wert, für den ein Mitarbeiter auf
Dauer seine Gaben entfaltet.“
Fasst man Wissensmanagement über das bloße Absaugen von
Informationen hinaus, würde es auch in einem Born-gemäßen
Ideal-Unternehmen betrieben. Denn im Grunde beinhaltet
Wissensmanagement Organisation, Personalführung, Dokumentation,
Schulung und anderes Altbekannte. Neu ist alleine die Nutzung der so
genannten Neuen Medien. Deren sinnvoller Einsatz muss genau geprüft
werden. Dabei hilft wie meist im Leben vor allem der Einsatz des
gesunden Menschenverstandes. Oder, wie Manager es gerne ausdrücken:
„A fool with a tool ist still a fool.“
|
|