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Aus der armen Po-Ebene ins Schwabenland

Seit 108 Jahren produzieren die Bertazzonis in Esslingen Eis

Trottwar 10/2009

 

Sind sie italienische Schwaben oder schwäbische Italiener? Die Bertazzonis in Esslingen kennt man dort wegen ihrer Eisdielen. Seit 1901 gibt es in der einstigen Reichsstadt das Bertazzoni-Eis und Kenner behaupten, es sei das Beste im Umkreis. Derzeit findet sich mit Marco Bertazzoni gerade die vierte Generation in die Eisproduktion ein. Der 41-Jährige könnte mit seinen dunklen Augen und Haaren durchaus als Italiener durchgehen, doch wenn er anfängt zu schwätzen, ist klar: Der Mann ist (auch) Schwabe. Er selbst sagt: „Ich bin Europäer und zwar ganz bewusst.“

Allerdings habe er schon „gewisse heimatliche Gefühle für Italien, weil ich als Kind oft bei meiner Oma war“. Und noch etwas sehr handfestes Italienisches hat er: „Meinen Pass.“ Warum, weiß er selbst nicht so genau. Vielleicht sei es eine Familientradition. Seitdem Marcos Urgroßvater Giulio Bertazzoni 1896 als junger Mann aus Suzzara nach Esslingen kam, haben alle nachkommenden „Eisler“ die italienische Staatsbürgerschaft behalten. Er, Marco, habe zwar mal überlegt, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, um bei allen Wahlen sein Kreuz machen zu können: „Aber irgendwie ..., na ja, so wichtig ist das auch nicht.“

Dass die Bertazzonis heute in der Eßlinger Fußgängerzone zwei Eisdielen betreiben liegt an der Armut der italienischen Po-Ebene am Ende des 19. Jahrhunderts. „Die hatten nichts zu beißen“, so Marco über die Familie des Urgroßvaters. Der hatte mitbekommen, dass Esslingen eine aufstrebende Industriestadt war und gründete zunächst einen Bautrupp. Marco: „Nur mit Ausländern, also Bayern und Italienern.“ Giulio Bertazzoni lernte Mathilde Hägele kennen, die beiden heirateten und gemeinsam eröffnete man 1901 den ersten Laden: Südfrüchte importieren und verkaufen. „Und im Sommer machte er noch Eis“, so der Urenkel. Das Geschäft lief gut, weitere Läden wurden eröffnet, drei Töchter und zwei Söhne kamen zur Welt. 1915 trat Italien gegen Deutschland in den Ersten Weltkrieg ein – für Giulio und alle anderen Italiener im Reich wurde es gefährlich. Er floh nach Zürich, verkaufte auch dort Trauben, Orangen, Zitronen und natürlich Eis. Nach dem Krieg kam Giulio nach Esslingen zurück, Sohn Julius kam ins Geschäft. „Im Dritten Reich lief dann alles ohne Schwierigkeiten“, sagt Marco Bertazzoni. „Italien war ja auch  faschistisch. Und sonst war es wie bei den meisten: Man schrie Hurra und machte sein Ding.“

Geschäftstüchtigkeit stellte die Familie auch bei Kriegsende unter Beweis. Großvater Julius sei gleich als die Amerikaner in Plochingen waren, dorthin gefahren. Da Italien gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die Seiten gewechselt hatte und damit zu den Siegermächten gehörte, hatte er dort keine Probleme. „Er hat für die Amis dann Südfrüchte importiert, von ihnen die Zutaten für Eis bekommen und er hat von denen Kaffeesatz gekauft.“ Daraus habe er nochmal Kaffee gemacht und den verkauft. „Die Menschen sollen Schlange gestanden haben, es hatte ja jahrelang keinen echten Kaffee mehr gegeben“, erzählt Marco Bertazzoni die Familienanekdote.

Sein Vater Dino stieg in den 50er Jahren ins Geschäft ein und fand im Gegensatz zu seinen Vorfahren seine Frau nicht im Schwäbischen sondern in Italien. Er und Eugenia bekamen Marco und dieser verkündete als junger Mann, er wolle eigentlich kein „Eisler“ werden. Ihn zog es ins Saarland an die Universität, zunächst studierte er Betriebswirtschaft: „Ich habe schnell gemerkt, dass das nichts für mich ist. Ich wollte ja was lernen, wo ich gescheiter werde und nicht blöder.“ Er sattelte um auf Kunstgeschichte, promovierte. Nach zehn Jahren Hochschule musste dann ans schnöde Geldverdienen gedacht werden. „Da bin ich halt doch Eisler geworden.“ Zehn Jahre sei das nun her und heute er ist stolz darauf, dass er eine Luxusware herstellt „ohne irgendwelche chemischen Zusätze“, wie er mehrfach betont. Milch und Zucker stellten die Basis, dazu kämen je nach Sorte, Kakao, Vanille aus Tahiti, Eier, Früchte. Noch haben Vater und Onkel das Sagen im Geschäft, Mutter Eugenia steht weiter hinterm Tresen und verkauft Eis. Irgendwann wird das Zepter an den Sohn übergeben werden. Bis dahin sei er eben „Mädchen für alles“, meint Marco Bertazzoni und grinst etwas schief.

 

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