Mobilität beginnt mit einem guten Schuh
Handgemachte Schuhe sind eine Domäne von Männern
Trottwar 1/2009
(gvl) – Mobilität beginnt mit dem Gehen und in unseren
Breitengraden benötigt der Mensch dafür Schuhe. In der Regel werden
unsere Schuhe in Billiglohnländern gefertigt nach
Durchschnittsmaßen. In Stuttgart gibt es keine industrielle
Schuhproduktion mehr, aber es gibt noch die Handarbeiter.
Schuhmachermeister, die ihr Handwerk beherrschen und sich nicht nur
auf die Reparatur beschränken.
Einer von ihnen ist Manfred Meyer. Der 47-Jährige betreibt seit
1992 seine Schuhmacherei nahe der Landesbibliothek in der
Stuttgarter Innenstadt. Die Werkstatt hat er von einem Kollegen
übernommen, der an diesem Ort nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen
hat, Schuhe zu machen und zu fertigen. In den zwei ineinander
gehenden Räumen stehen Schleifmaschinen aus den 60er Jahren und eine
alte gusseiserne Nähmaschine. „Die Maschinen habe ich von meinen
Vorgänger übernommen. Eigentlich müssten mal Neue her, aber das ist
eine enorme Investition. Und außerdem funktionieren sie ja noch“,
sagt Meyer. In den Regalen
an den Wänden stapeln sich bis an die Decke kaputte Schuhe. „Das
Geld verdienen wir mit Reparaturen“, erklärt der Handwerksmeister.
Mit „wir“ meint er sich und seinen 20 Jahre alten Sohn Simon, der in
die väterlichen Fußstapfen treten möchte. Er lernt
Orthopädieschuhmacher. „Mein Beruf ist ja aus der Handwerksrolle
gestrichen worden“, erklärt der Vater. „Der wird in
Baden-Württemberg gar nicht mehr beschult. Jetzt darf sich jeder
Schuhmacher nennen.“
Manfred Meyer zieht ein reich verziertes Paar Cowboystiefel aus
dem Regal. „Schauen Sie, diese Schuhe waren total hinüber. Die Sohle
gebrochen, Löcher drin, die Nähte aufgeplatzt, das Leder an einigen
Stellen völlig kaputt. Auf den ersten Blick könnte man meinen, die
seien zum wegwerfen. Aber ich kann sie reparieren. Klar, die
Reparatur ist aufwendig, kostet 150 Euro.“ Der Kunde habe die
kaputten Stiefel zunächst wieder mitgenommen, als er den preis
gehört hatte. Doch nach einer Woche stand er wieder in der
Werkstatt. „Das machen wir häufig: Lieblingsschuhe retten.“
Manfred Meyer stellt auch Lieblingsschuhe her. Und so sehr der
Volksmund den Frauen einen Schuhtick nachsagt – handgenähte Schuhe
sind eine männliche Domäne. Meyer: „Die Männer mit handgemachten
Schuhen erkennen sich auch gegenseitig.“
Die Kundschaft wolle sich teils mal etwas Besonderes gönnen,
teil sind es aber auch Herren, die „Schon alles ausprobiert haben“,
sagt Meyer. So habe einer seiner Kunden extrem schmale Füße. „In
Konfektionsware schliddert der nur herum.“ Für handgemachte Schuhe
bestellt Meyer nach dem Ausmessen des Fußes den passenden
Holzleisten und bearbeitet ihn gegebenenfalls nach. Das Leder kann
aus Schnittschablonen genommen oder selbst zugeschnitten werden.
„Dann wird das Leder über den Leisten gezogen, geklebt und genagelt
und ein paar Tage zum Trocknen stehen gelassen.“ Anschließend kommen
Zwischensohle, Rahmen, Zierleisten, Laufsohle. „Dann wird der Schuh
aufgeschnitten, der Leisten rausgeholt und der Schuh wieder
zugemacht. Absatz drauf, Sohle rein, Feinschliff, eincremen und
fertig.“ Was sich einfach anhört beinhaltet insgesamt mehr als 100
Arbeitsschritte. Kein Wunder, dass solche Schuhe ihren Preis haben –
mehrere hundert Euro muss der Schuhliebhaber dafür ausgeben. Ob das
wirklich teuer sei, bezweifelt Meyer allerdings. „Denn die Schuhe
haben ja auch eine gewisse Qualität. Wenn sie ordentlich gepflegt
werden, tragen Sie solche Schuhe 20 Jahre. Gutes Leder hält einfach
länger und lässt den Schuh mit den Jahren sogar immer besser
aussehen. Für einen Konfektionsschuh aus dem Laden, der nur ein paar
Jahre halten soll, müssen sie 300 Euro hinblättern.“ Zwischen
solchen Konfektionsschuhen und den eigenen komplett Handgearbeiteten
gibt es noch handgemachte Schuhe aus Osteuropa, die Meyer verkauft.
„Die kommen aus Manufakturen in Budapest und Belgrad, sind ebenfalls
sehr gut gemacht und haben ihre Liebhaber.“
Meyer selbst trägt entweder eigen gefertigte Schuhe oder
Cowboystiefel. Der Mann grinst. „Dafür habe ich halt ein Faible.“
|
|