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Kann Geld Kinder kriegen?

Zinsen gibt es schon lange und ebenso lange sind sie umstritten. Aristoteles befand, es sei unnatürlich, mit Geld Geld zu gewinnen, das funktioniere nur mit Arbeit. Eine Einsicht, die man manchem Finanzspekulanten gewünscht hätte.

Trottwar 1/2009

 

Wenn die sechsjährige Laura ihrem Klassenkameraden Mark einen Euro für Süßigkeiten leiht, wird Mark den Euro nach der Taschengeldauszahlung am nächsten Montag zurückgeben. Weder Laura noch Mark werden auf die Idee kommen, dass der Junge mehr zurückzahlen muss. Wenn Mark 20 Jahre später ein Auto oder als Unternehmer eine Maschine kaufen will und bei der Bankangestellten Laura nach einem Kredit über sagen wir 80.000 Euro fragt, wird es für beide selbstverständlich sein, dass Mark sehr viel mehr als die 80.000 Euro zurückzahlen wird. Was ist passiert? Beide haben gelernt, dass es Zinsen gibt. Doch wofür zahlt Mark eigentlich die Zinsen?

Eine breit anerkannte These besagt, der Kreditnehmer zahle dem Gläubiger einen Ausgleich dafür, dass dieser für eine bestimmte Zeit auf Konsum verzichtet. Ebenfalls weit verbreitet ist die Begründung, dass mit einer neuen Maschine Profit erwirtschaftet wird und der Gläubiger mit den Zinsen an diesem Profit beteiligt wird. Fürs Auto allerdings würde das nicht gelten –das gewinnt ja nicht an Wert, im Gegenteil.

Ganz ohne Zinsen gebe es keine wirtschaftliche Entwicklung, wird von den Neoklassikern argumentiert. Als Beweis wird gerne das Hochmittelalter herangezogen, das als ein stagnierendes Zeitalter angesehen wird und in dem Zinsen verboten waren.

Denn umstritten ist der Zins schon lange. Im griechischen wurde das Wort „tòkos“ im Sinne von Gewinn, Zins, Wucher (da gab es keinen Unterschied) genutzt, bedeutet eigentlich jedoch Geburt, Nachkommenschaft. Daraus abgeleitet sagt Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.), Geld ist unfruchtbar, es kann keine Jungen bekommen. Es ist also nicht produktiv und kann (und darf) deswegen nicht über Zinsen vermehrt werden.

Auch im alten Testament ist mehrmals davon die Rede, dass man nicht wie ein Wucherer handeln solle (die Gleichsetzung von Zins und Wucher zieht sich lange hin). Diejenigen, die der Auffassung sind, dass Christentum und Zinsen nicht vereinbar sind, ziehen gerne das Neue Testament heran, wo bei Lukas (6, 35) steht: „Vielmehr liebet eure Feine und tut Gutes und leihet, ohne etwas zurückzuerwarten.“ Und bei Matthäus heißt es „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“. Im Mittelalter wurden mit diversen kaiserlichen Bestimmungen und Konzil-Beschlüssen Zinsen tatsächlich verboten. Auf eine Finanzwirtschaft verzichtete dieses Zeitalter allerdings nicht: Die Juden durften ja Zinsgeschäfte machen. Jedenfalls mit Nicht-Juden. Damit konnte auch das organisierte Christentum ganz gut leben und mit dem Erstarken und der Ausweitung des Handels, etwas später auch mit der Reformation, bahnte sich das Zinsnehmen seinen Weg.

Jakob Fugger (1459 bis 1525) wurde ein führender Bankier nicht zuletzt für die Kirche und Martin Luther wandte sich zwar im Prinzip gegen Zinsen, nannte aber Ausnahmen und Johann Calvin (1509 bis 1564) schließlich hielt das Zinsnehmen für erlaubt, wenn es mit Billigkeit und brüderlicher Liebe in Einklang stünde. Denn: „Geld ist dazu da, sich durch wirtschaftliche Tätigkeit zu vermehren.“ In der katholischen Kirche tat man sich in der Theorie noch lange schwer mit den Zinsen und offiziell endete das Zinsverbot erst 1983, als im neuen Kirchengesetzbuch der Zinskanon ersatzlos gestrichen wurde.

Derzeit wird über einen Verbot von Zinsen nur in wenigen kleinen Gruppen nachgedacht, häufig in Zusammenhang mit der Forderung nach Schuldenerlass von Entwicklungsländern.

Allerdings spielt die Frage nach dem Sinn von Zinsen auch in der Debatte um die Finanzkrise eine Rolle. Denn wenn man davon ausgehen muss, dass die Wirtschaft nur funktionieren kann, wenn Geld zirkuliert, erscheint es widersinnig, Geld nur gegen Zinsen freizugeben. Dies bringt den Geldgebern einen dauernden Einkommenszuwachs ­– ohne Gegenleistung und zu Lasten der Arbeit. Geldvermögen (bei wenigen) und Schulden (bei mehr) wachsen. Was passiert, wenn die Welt mit Geld überschwemmt wird, ohne dass dahinter reale Werte stehen, erleben wir derzeit.

Eine Lösung des Problems hat vor 100 Jahren Silvio Gsell entwickelt. Er forderte, Geldbehalter – also das Horten von Geld – mit Kosten zu belegen. John Maynard Keynes griff die Idee auf und viele Regio-Geld-Initiativen versuchen sie umzusetzen, indem sie ihr regionales Geld mit einem Verfallsdatum versehen.

 

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